Die zornvolle Dakini Simhamukha

Der Nepalese ist ein Rinpoche – ein Meister – der Amerikaner ein Lama – ein Lehrer. Deshalb bekommt der Nepalese die Suppe vor dem Amerikaner. Es ist das selbe Prinzip, dass ich schon aus den Zeremonien kenne: die hohen Götter bekommen ihre Opferspeisen vor den lokalen Gottheiten. Hierarchie ist wichtig im tibetischen Buddhismus.

Dass der kleine freundliche Nepalese mit dem kahlgeschorenen Schädel wirklich ein Rinpoche ist, bekomme ich während der Zeremonie für Simhamukha zu spüren. Sie zieht sich über den den ganzen Tag: vier Stunden am Vormittag, drei Stunden am Nachmittag. Das Skript, durch das wir uns rezitierend, trommelnd und opfernd arbeiten, hat fast vierhundert Seiten.

Die Energie des Rinpoche lässt den Schreinraum glühen. Draußen segeln Schneeflocken in das graue Wasser des Weihers. Drinnen sitzt der Nepalese schwitzend im Unterhemd auf seinem roten Thron, drischt rezitierend auf die große tibetische Trommel ein und führt uns mit verblüffenden Konzentration durch das Ritual.

Ich haste mit dem Finger von Zeile zu Zeile, bei dieser Geschwindigkeit die tibetische Lautschrift zumindest einigermaßen richtig auszusprechen, ist eine Herausforderung. Zwischendurch wird immer wieder gestoppt, das Skript korrigiert, der Rinpoche hört, trotz des durch mich verursachten „Rauschens“, jeden Fehler, der sich in die Übersetzung der tibetischen Schriftzeichen in die Lautschrift eingeschlichen hat!

Eigentlich müsste ich, die Rezitation begleitend, noch Visualisieren. Das Zeremoniell ist nichts anderes als eine Anleitung zur Meditation. Unter der tibetischen Lautschrift wird sowohl in tibetischen Lettern, als auch in englischer Übersetzung, Schritt für Schritt beschrieben, was sich vor meinen inneren Augen abspielen soll. Es ist das Drehbuch eines phantastischen Films. Im Mittelpunkt: die löwenköpfige Dakhini Simhamukha.

Für Tantriker verfügt unser Körper über drei verschiedene Dimensionen: „Body“, „Speech“ and „Mind“. „Body“ ist der physische Körper, „Mind“ die mentale Ebene. Tantra ist auf das fokussiert, was dazwischen ist: „Speech“. „Speech“ beschreibt in diesem Kontext nicht „Sprechen“, sondern bezieht sich auf unsere Existenz als Wesen, die durch und durch aus Energie bestehen. Alles was wir denken, fühlen, tun – die Worte die wir sprechen, die Gedanken, die unser Handeln und Erleben begleiten, die Emotionen die durch innere und äußere Impulse ausgelöst werden, die Art und Weise, wie wir die Welt sehen – ist nichts anderes als ein Ausdruck unseres Energiekörpers.

Sind wir durch karmische Belastungen energetisch blockiert, verstricken wir uns durch Ignoranz und negative Gefühle mit der materiellen Welt. Wir leiden, verursachen Leiden und finden nicht den Weg zur Erleuchtung. Deshalb zielen alle Praktiken des Tantra darauf ab, unseren Energiekörper zu reinigen und unsere Lebensenergie zu transformieren.

Tantra fokussiert auf das Unbewusste. Durch Visualisierungen, das Rezitieren und Singen von Mantras, die Verwendung bestimmter Mudras und Körperhaltungen sollen Blockaden durch negative Emotionen und falsche Vorstellungen aufgebrochen werden. Die Prozesse, die durch das Praktizieren von Tantra ausgelöst werden, können mental herausfordernd sein.

Sowohl die friedvollen als auch die zornvollen Gottheiten, in die sich die Schüler durch Visualisierungen verwandeln sollen, sind Ausdruck der verschiedenen Aspekte der Buddhaschaft. Tantra ist deshalb – trotz des üppigen Götterhimmels – nicht polytheistisch, die einzelnen Gottheiten repräsentieren akzentuierte emotionale Zustände, die vom Lehrer – je nach karmischer Belastung und aktueller Problemlage – verschrieben werden, wie ein Arzt spezifische Medikamente bei körperlichen Beschwerden verordnet.

Zu den „harten“ Methoden des Tantra gehören die „zornvollen“ Praktiken. Eine davon ist Simhamukha, die Dakhini mit dem Löwenkopf.